LTT Zeitenwende — auch bei Erwerbsmigration und Integration?

3. November 2022

Viele deutsche Unternehmen sehen den Fachkräftemangel als großes Risiko für ihren Unternehmenserfolg. Was muss geschehen, damit Deutschland für Zuwanderer wieder attraktiver wird? Im LTT Zeitenwende  mit Misbah Khan MdB, Mitglied im Ausschuss für Inneres und Heimat des Deutschen Bundestages, Dr. Tanja Fendel, Bereich Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung (INTER) am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), und Kristin Hühnergarth, REWE Group, sowie weiteren Teilnehmenden aus der Mitgliedschaft wurden die Chancen, Herausforderungen und Möglichkeiten der Fachkräfteeinwanderung in Deutschland diskutiert.

Dr. Tanja Fendel – (C) DiCV/Jo Schwartz

Dr. Tanja Fendel bewertet die bisherigen Anstrengungen, um Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, als unzureichend und möchte daher auch Geflüchtete in den Arbeitsmarkt integrieren:

„Die rechtlichen Änderungen im Rahmen des Fachkräfteeinwanderungsgesetz stellen wichtige Erleichterungen für den Zuzug von Fachkräften nach Deutschland dar, eine substanzielle Erhöhung der Fachkräftezuwanderung ist jedoch nicht zu erwarten. Hierfür wären wahrscheinlich maßgebliche Reformen zur Vereinfachung der Gleichwertigkeitsprüfungen ausländischer beruflicher Abschlüsse erforderlich.“

Die in den letzten Jahren und seit Anfang des Jahres nach Deutschland gekommenen Geflüchteten können zur Reduzierung des Fach- und Arbeitskräftebedarfs beitragen, auch wenn mit der Schutzgewährung durch das Asylsystem auf Grundlage des Grundgesetzes und der völkerrechtlichen Verpflichtung Deutschlands primär andere Ziele als die Steuerung der Arbeitsmigration im Vordergrund stehen. Für die Arbeitsmarktintegration Geflüchteter kommt neben der Unterstützung bei der Arbeitssuche und -vermittlung der Deutschspracherwerb (auch im Rahmen der Teilnahme an Integrations- und Sprachkursen), die Beratung zur Anerkennung beruflicher Abschlüsse sowie umfassende Bildungs- und Weiterbildungsangebote eine hohe Relevanz zu, um zu vermeiden, dass ein Großteil der Geflüchteten langfristig unterhalb der eigenen Qualifikation beschäftigt ist. 

Misbah Khan MdB ging dabei auf mangelnde attraktive Angebote für Fachkräfte aus dem Ausland ein, darunter Bildungschancen und Integrationsmöglichkeiten auch für Familien. Außerdem sei ein gesamtgesellschaftlicher Wandel dringend nötig, damit die ca. 400.000 fehlenden Fachkräfte auch langfristig im Land bleiben: 

„Unsere Wirtschaft ist nicht zuletzt angesichts der demographischen Entwicklung dringend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Mit dem neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetz werden wir bürokratische Hürden abbauen und Verfahren digitalisieren, damit der Zuzug endlich schneller und einfacher gelingt. Als Gesellschaft müssen wir uns jedoch auch die Frage stellen, wie wir mit Migrant*innen umgehen. Hass, Hetze und Ausgrenzung sind keine Werbung für ein Einwanderungsland.“

Kristin Hühnergarth


Kristin Hühnergarth der REWE Group betont, dass auch die Anerkennung nichtakademischer Berufe in Deutschland vereinfacht werden muss:
„Die Diskussion um den Fachkräftemangel greift leider zu kurz: Es fehlt mittlerweile an Kräften auf allen Qualifizierungsniveaus – wir sprechen längst von einem Arbeitskräftemangel. Entscheidend wird für Branchen wie der Unseren zudem sein, dass die nun diskutierten Maßnahmen endlich auch stärker auf nicht-akademische Berufe abzielen.“ 

 

Weitere Veranstaltungen

Alle Veranstaltungen
16.01.2024
Internationale Wirtschaftskooperationen
Das erste GWD-Fachforum in 2024 legte den Schwerpunkt auf die Frage, welche Rolle Internationale Wirtschaftskooperationen bei der Umsetzung der sozial-ökologischen Transformation spielen können. Das BMZ hat jüngst angekündigt, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft unter dem Motto „Partners in Transformation“ neu ausrichten zu wollen. Vor diesem Hintergrund sollte unter anderem kritisch diskutiert werden, wie staatliche Förderprogramme und Initiativen hierbei wirksam und zielgerichtet unterstützen können, und welche Chancen und Risiken für die Wirtschaft bei und in internationalem Engagement liegen. Dazu begrüßte der GWD als Impulsgeberin aus der Politik Deborah Düring MdB von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Roland Siller, Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). In der Diskussion spielten die Themen SDG / Agenda 2030 sowie faire Lieferketten eine zentrale Rolle: welche Bedeutung haben sie für international tätige Unternehmen, welche Chancen ergeben sich durch die Einhaltung der SDG, welche Verpflichtungen entstehen aber auch daraus? Roland Siller verdeutlichte dabei, dass Umwelt-, Sozial-, Klimastandards und Menschenrechte viel paper work sind, aber das Thema ist bei den Unternehmen, die internationale Lieferketten haben, angekommen. Deborah Düring MdB, Sprecherin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und neue Sprecherin für Außenpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen: „Es ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern für international tätige Unternehmen essenziell: Nachhaltige Lieferketten können nur funktionieren, wenn wir die Agenda 2030 einhalten bzw. umsetzen. Die SDG sind nicht nur menschen-, natur- und klimafreundlich, sondern – gerade in Hinsicht auf Stabilität und Verlässlichkeit – klar unternehmensrelevant, wenn es um internationale Wirtschaftskooperationen geht.“ Grundsätzlich gilt, dass Dialoge zu diesen Themenkomplexen inzwischen immer unter den Bedingungen der Großthemen stattfinden: Klimawandel, Corona, Kriege und andere mililtärische Auseinadnersetzungen wie in der Ukraine, Israel/Palästina oder Jemen. Weitere Themen der Veranstaltung waren darüber hinaus die Einrichtung einer panafrikanischen Freihandelszone, weltweite Steuerquoten oder faire Mindestbesteuerung.
Geoökonomie, Resilienz und Sicherheit
17.06.2022
Nutzung digitaler Gesundheitsdaten
Bei unserem Fachforum Digitale Gesundheitswirtschaft am 17. Juni 2022 stand die Nutzung digitaler Gesundheitsdaten im Fokus der Diskussion. Digitalisierung kann in der Gesundheitsbranche, wenn clever integriert, einen deutlichen Mehrwert für Patient:innen, aber auch Pflegepersonal und Ärzt:innen leisten. Darunter künstliche Intelligenz als Diagnoseunterstützung, die elektronische Patient:innenakte, digitale Sprechstunden und mehr. Um die vielfältigen Vorteile und Möglichkeiten der Umsetzung zu diskutieren, kamen Kordula Schulz-Asche MdB und pflegepolitische Sprecherin der Grünen im Deutschen Bundestag und diverse Vertreter:innen aus der Branche zusammen. Einigung bestand über die Chancen, die Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft mit sich bringt. Dazu Frau Schulz-Asche: „Mit einer leistungsstarken und sicheren digitalen Infrastruktur haben Krankenhäuser und Pflegeheime die Möglichkeit das Patient:innenwohl zu steigern und Kosten zu senken“.   Prof. Dr. med. Dr. iur. Christian Dierks, Managing Partner bei Dierks+Company stimmte dem zu, wies jedoch auch auf die Hürden hin, die einer schnellen Umsetzung einer Digitalstrategie im Wege stehen: „Der föderale Flickenteppich bei Datenschutzgesetzen muss dringend harmonisiert werden. Durch ein lernendes Gesundheitssystem mit qualitativ besseren Daten und effizienten Prozessen können wir zusätzlichen Patientennutzen schaffen.“ Zu einem ähnlichen Schluss kam Martin Wisböck, Director Government Affairs bei Brainlab AG: „[Die Datenschutzlage ist] ein Flickenteppich und bremst die Innovationsfähigkeit und Prozessorientierung vieler Kliniken. Denn durch unterschiedliche Datenschutzregeln in den einzelnen Bundesländern wird die praktische Umsetzung von digitalen Innovationen maßgeblich erschwert.“    
19.10.2023
Ein Jahr deutsches Lieferkettengesetz – Auswirkungen, Fortschritte, Unsicherheiten?
Beim Fachforum zum Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz mit Max Lucks MdB, Obmann im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Dr. Melanie Müller, Leiterin des Forschungsnetzwerks Nachhaltige Globale Lieferketten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, sowie Cornelia Heydenreich, Bereichsleiterin Unternehmensverantwortung bei Germanwatch e.V., wurde eine Bilanz nach einem Jahr deutsches Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gezogen und erste Erkentnnisse diskutiert. Sowohl Deutschlands Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen, als auch positive Effekte des Gesetztes für in Deutschland und Europa ansässige Unternehmen wurden dabei genannt. Denn gerade in Zeiten mutipler Krisen ist es für Unternehmen wichtig, schnell auf Veränderungen im globalpolitischen Gefüge mit Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette reagieren zu können. Kritisch wurden hingegen die Berichtspflichten diskutiert, welche teilweise nur mit hohem bürokratischem Aufwand möglich sind. Max Lucks betonte unter anderem die Außenwirkung des Gesetzes für Deutschland: „Deutschland versteht sich als Vorreiter bei der Umsetzung globaler Umwelt- und Menschenrechtsstandards. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz trägt zur Aufrechterhaltung Deutschlands Glaubwürdigkeit für das Einstehen dieser Standards in der Außenpolitik bei, indem es Vorgaben für die Entwicklung fairer Arbeitsbedingungen bei internationalen Zulieferunternehmen festlegt und somit die Märkte der Zukunft prägt. Nur so kann unser Wohlstand langfristig stabilisiert werden.“  Katinka Barysch, Chief Human Rights Officer bei Allianz SE, lenkte den Blick auch auf die Europäische Lieferkettenrichtlinie CSDDD (Corporate Sustainability Due Diligence Directive): „Bei der Allianz bemühen wir uns, die Anforderungen des Lieferkettengesetzes mit bestehenden Prozessen bestmöglich zu integrieren. Auch versuchen wir, Synergien zu finden zwischen den Berichtspflichten der CSRD zum Thema „Beschäftigte in der Wertschöpfungskette“ und den Sorgfaltspflichten in der Lieferkette. Wir hoffen, dass die EU solche Synergien bei der finalen CSDDD Version im Blick hat.“ Dr. Melanie Müller hob die Auswirkungen des LKSGs auf die Resilienz von Unternehmen hervor: „Untersuchungen nach der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass solche Unternehmen, die über ihre Lieferketten detailliertere Informationen bereitstellen können auch in der Krise resilienter aufgestellt waren. In Zeiten multipler Herausforderungen unterstützen hohe Nachhaltigkeitsstands somit eine erfolgreiche Transformation.“
Geoökonomie, Resilienz und Sicherheit